15. Dezember 2025

Ruhrnachrichten: Die „Flüchtlingswelle“ 2015 traf auch den Stadtbezirk Aplerbeck

Marlis Koch (82) engagiert sich seitdem bei der Flüchtlingshilfe – und hilft damit auch sich selbst.

Es ist kurz vor 11 Uhr. Mit einem lauten Knattern hebt sich die Tür der Kleiderkammer an der Aplerbecker Straße – und mit ihr öffnet sich ein Ort, der weit mehr ist als ein Second-Hand-Markt. Draußen warten schon die ersten Kundinnen und Kunden, doch drinnen steht jemand, der diesen Raum seit Jahren prägt: Marlis Koch. „Wir haben wunderbare Sachen“, sagt die 82-Jährige und lächelt, während sie durch Kleidung, Haushaltsartikel, Kleinmöbel, Schmuck und Schuhe geht. In der Einrichtung der Flüchtlingshilfe Aplerbeck ist alles zu bekommen. „Zu ganz kleinen Preisen“, wie sie gerne betont.

Vor zehn Jahren, als viele Menschen aus Syrien und dem Irak nach Dortmund kamen, suchte die 82-Jährige nach einer Aufgabe – und fand sie genau hier. „Ein Zeitungsartikel hat mich auf die Idee gebracht. Ich wollte einfach helfen, Gutes tun“, sagt sie. Und wer sie erlebt, glaubt jedes ihrer Worte. Dabei begann alles aus einer persönlichen Krise heraus. „Wir haben in der Nähe von Osnabrück gewohnt.

Dann ist mein Mann gestorben, und ich saß allein in dem großen Haus“, erzählt sie leise. Ihre Tochter riet ihr, nach Aplerbeck zu ziehen: näher zur Familie, näher am Leben. Sie fasste Mut, zog um – und suchte nach etwas Sinnvollem. Neben ihrer Tochter, Enkelin und ihren Hobbys. „Ich lese gerne, gehe viel spazieren. Ich bin gerne mit Freunden zusammen und mache am liebsten Urlaub an der Ostsee.“

Darüber hinaus fand sie Erfüllung in der Hilfe für andere Menschen. „In den Flüchtlingsverein bin ich dann in Aplerbeck so hereingerutscht“, sagt sie und knetet die Hände, als sie an diese Zeit zurückdenkt.

Kleidertreff

Zwei Tage in der Woche

Der Verein war damals noch in einer leerstehenden Ladenzeile in Schüren untergebracht. Möbel stapelten sich, Menschen kamen und gingen. „Ich bin hingegangen und habe gefragt, ob Hilfe gebraucht wird – und man hat gesagt, ich solle sofort dableiben.“ Seitdem ist sie geblieben. Erst einen Tag pro Woche, dann zwei. Heute ist sie Vorstandsmitglied der Flüchtlingshilfe.

Marlis Koch sortiert Spenden, berät Kunden, hört zu, tröstet, vermittelt. „Viele, die vor zehn Jahren zum ersten Mal hier waren, helfen immer noch mit – obwohl sie inzwischen arbeiten und hier sesshaft geworden sind“, sagt sie und lächelt wieder über das ganze Gesicht.

Die Kleiderkammer ist längst ein Treffpunkt geworden – für Geflüchtete, für Menschen aus Aplerbeck, für alle, die Unterstützung brauchen. Die Hälfte der Kundschaft kommt heute aus finanziellen Gründen. „Wir sind ein tolles Team“, sagt die 82-Jährige. Und man glaubt ihr, wenn sie von den Begegnungen erzählt, den Freundschaften, den Schicksalen. „Das nimmt man dann mit nach Hause. Man kann nicht alles abschütteln. Aber man hat immer das Gefühl, Gutes zu tun.“

Neben der Kleiderkammer bietet der Verein Patenschaften, Deutschkurse, eine Fahrradselbsthilfewerkstatt, ein Repaircafé und eine Möbelbörse an. Auch darauf ist Marlis Koch stolz. Und darauf, dass sich die Kleiderkammer fest etabliert hat im Stadtbezirk. Eine Bitte aber hat sie: „Bitte nur Kleidung spenden, die noch in gutem Zustand und gewaschen ist“, sagt sie – für einen Moment ernst, bevor wieder dieses unverwechselbare Lächeln kommt.

Sie wirkt, als habe sie hier einen Platz gefunden, der mehr ist als Ehrenamt: einen Ort, an dem sie gebraucht wird – und an dem sie jeden Tag etwas zurückgibt.

von Jörg Bauerfeld – Ruhrnachrichten